Mittwoch, 4. Juni 2008

Patriotismusproblem II: Das Trauma der Deutschen

Wenn nun versucht wird, anlässlich der bevorstehenden EM-Partie gegen Deutschland, den "Geist von Cordoba" aufleben zu lassen, stellt sich die Frage, ob das ein provinzieller antideutscher Reflex von uns Österreichern ist? Oder ist „Cordoba“ für so etwas ähnliches, wie für die Deutschen die Erinnerung an "das Wunder von Bern"?

Der WM-Sieg von Bern half den Nachbarn nämlich dabei, sich wenige Jahre nach der von ihnen – und uns – ausgelösten, größten Katastrophe der Menschheit, ein neues Selbstbewusstsein zu geben. Der wirtschaftlich am Boden liegende, weitgehend zerstörte Kriegsverlierer war – zumindest im Sport – als Großmacht wieder erstanden. Was danach folgte und bis heute nicht abgeschlossen: die Suche nach einem Patriotismus, der dem Wesen einer Großmacht entspricht - ohne militärische Überlegenheit in den Mittelpunkt zu stellen und das Geschehen nicht zu verdrängen.

Doch zurück zu Cordoba 1978: Man erinnere sich nur an die Empörung, welche Jörg Haider mit seinem dummen Sager von der „Missgeburt der österreichischen Nation“ im Jahr 1988 ausgelöste. Ob der Widerspruch auch ohne identitätsfördernde „Ab-und-An-Siege“ im Sport so eindeutig gewesen wäre?

Mit der Wiedervereinigung sind die Probleme der Deutschen, mit selbstbewussten patriotischen Zeitgenossen umzugehen, übrigens noch größer geworden. Patriotismus wurde bis 2006 mit Nationalismus gleich gesetzt. Und die Vergangenheit erschwert natürlich noch immer den Umgang mit einem Begriff wie etwa Nationalstolz. So hat Deutschlands Wiedervereinigung in Großbritannien oder in einigen osteuropäischen Ländern tatsächlich die Urängste vor einer germanischen Vormachtsstellung neu ausgelöst. Nun glaubt manch braver Nachkriegsdeutscher, diese Ängste müsse man antizipieren. Patriotismus oder auf ein von der Herkunft der angestammten Bevölkerung hergeleiteter Nationsbegriff seien daher unstatthaft. Dabei haben die Deutschen ihre humanistische Gesinnung immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Ihr Kampf sollte daher auch gegen überkommene antideutsche Reflexe und jene, die sie schüren, geführt werden.

Das Trauma des deutschen Patriotismus zeigt sich aber auch im Verfolgungswahn, unter dem viele deutsche Kommentatoren zu leiden scheinen und den sie manchmal recht ungeschickt überkompensieren. So sehen manche in uns „Ösis“ tatsächlich jene „Piefkehasser“, die sich vor allem daran aufrichten, wenn sie die Deutschen anpinkeln können. Aber das unterstellen sie auch den Schweizern, Holländern, Belgiern, Polen, Dänen und mittlerweile allen Nationen, die beim Songcontest mitvoten durften. Oder sie bezeichnen Klagenfurt mit dem immerhin drittgrößten Stadion der "Euro 08" als "Klagenfurz".

Das Schönste an der Fußball-WM 2006 war, zu erleben, wie die Deutschen aufleben, wenn sie – zumindest einen Sommer lang das Gefühl haben, dass sie von der Welt geliebt werden. Der gleiche Freund der die "Österreich-Autoflaggen" als "arschig" bezeichnete, sagte damals übrigens: "Ich kann mir nicht helfen, mir sind die Deutschen auf einmal sympathisch."

Unsere Nachbarn sollten begreifen, dass man sich Neid viel härter erarbeiten muss als etwa Mitleid. Vielleicht sollten sie sich die Amerikaner, Franzosen oder Briten auch diesbezüglich zum Vorbild nehmen, denn Patriotismus hat nichts mit Faschismus zu tun und verträgt sich hervorragend mit den demokratischen Tugenden, wie sie in Deutschland unzweifellos hoch gehalten werden.

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