Die mir völlig unverständlichen Begeisterungsstürme für den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan nach dem Eklat bei Weltwirtschaftsforum haben mich daran erinnert wie divergent meine Einstellungen zu Europas asiatischem Nachbarn eigentlich sind.Auf der einen Seite bin ich als rationeller Mensch für einen türkischen EU-Beitritt. Warum ist klar:
- Die Türkei ist der wichtigste Puffer zwischen den arabischen Diktaturen und der EU.
- Die Türkei lebt vor, wie ein moslemisches Land mit dem Islamismus wirkungsvoll fertig wird.
- Die regierende AKP von Ministerpäsident Erdogan und Staatspräsident Gül zeigt, wie eine sogenannte Fundamendalistenpartei, mit großer Zustimmung bei der religiös besonders eifrigen türkischen Unterschicht Zustimmung findet und Demokratie lebt.
- Die chemalistischen Nationalisten - darunter viele Mitglieder der türkischen Elite samt den übermächtigen amerikafreundlichen Militärs - scheinen demokratisch in den Schranken verwiesen.
Auf der anderen Seite sind da eine Reihe wichtiger Vorbehalte: Die beginnen in Graz in der Straßenbahn, wenn sich türkische Kinder in perfektem Steirisch miteinander unterhalten und die tiefverschleierte Mutter, die mindestens ebenso lange in Österreich lebt, dennoch kein Wort Deutsch spricht. Ganz aus ist es bei mir, wenn ich an die Zwangsverheiratung kleiner Mädchen und an Ehrenmorde denke. Meine Conclusio: Dieses Volk ist kulturell nicht reif für Europa.
Bei genauem "Inmichhineinhören" schaffe ich es dennoch, manche meiner Mentalreserven gegen einen Türkeibeitritt als möglichweise rassistische Ressentiments zu entlarven.
Trotzdem bleibt für mich evident, dass die Türkei in vielen gesellschaftspolitischen Bereichen nicht reif ist für Europa.
Daher muss sich das Land noch viel weiter in Richtung Westen öffnen, um überlieferte Traditionen - durchaus auch solche die zweifelsohne Teil der türkischen Kultur sind - über Board zu werfen.
Denn ein neues Europa muss für mich - viel stärker als die EU der Gründerväter - kulturelle Gemeinsamkeiten in den Mittelpunkt der europäischen Identität stellen. Dazu gehört auch ein allgemeingültiges kulturelles Leitbild. Mindesstandards sozusagen, die von jedem Beitrittskandidaten zu hundert Prozent erfüllt werden müssen.

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