Die Russen lassen nichts aus, um den "Krieg ums Gas" wenigstens an der PR-Front gegenüber der eigenen Bevölkerung zu gewinnen. Was uns hier als Konflikt mit der Ukraine verkauft wird, scheint tatsächlich in erster Linie ein Ablenkungsmanöver von Vladimir Putin zu sein, der seine Landsleute glauben machen will, dass der Westen die alleinige Schuld an den übermächtigen ökonomischen Problemen seines Landes trägt und daher eine neue Weltordnung mit Russlands Energiereserven im Mittelpunkt in Aussicht stellt. In Russland gibt es jedoch keine funktionierende Marktwirtschaft. Denn um die Kontrolle zu behalten, hat Putin sämtliche ökonomische Big-Player in die Abhängigkeit des Kremls gebracht. Ein Binnenwachstum wird praktisch nicht generiert und industrielle Produktivität kann mangels Know How und Innovationsgesinnung auch nicht entstehen.
Damit ist die Wirtschaft völlig von den Energieexporten und damit von den internationalen Ölpreisen abhängig. Außerdem ist davon auszugehen, dass die technischen Förderkapazitäten der russischen Öl- und Gasfelder seit Jahren kontinuierlich sinken.
Nachdem die westlichen Firmen aus dem Land gejagt wurden, fehlt es dem Kreml und seinen Oligarchen nämlich vor allem am Know How, um weitere Fördergebiete zu erforschen und zu erschließen.
Russland ist langfristig nicht in der Lage, zu Ölpreisen unter 50 Dollar konkurrenzfähig anzubieten. Die derzeitigen Versuche, das Gas zu reglementieren sind daher nichts anderes als der verzweifelte Versuch, die derzeit viel zu niedrigen Preise in die Höhe zu pushen.
Das gleiche Motiv steckt wohl auch hinter dem Versuch Russlands, eine "Gas-OPEC" zu gründen. Und wenn Putin in den Raum stellt, er könne sein Gas auch nach China verkaufen, vergisst er, das China mindestens so sehr wie Russland vom ökonomischen Erfolg des Westens abhängt.
Derzeit ist die EU geschockt. Das Vertrauen in Russland scheint langfristig erschüttert. Und ganz egal wie Europa reagieren wird. Im Mittelpunkt werden Maßnahmen stehen, die Russlands Position weiter schwächen:
- So ist der derzeitige Konflikt möglicherweise der endgültige Anstoß dafür, Nabucco zu bauen um dadurch mittelfristig russisches Gas zu ersetzen.
- Statt Gaskraftwerke werden Kohlekraftwerke gebaut werden. Gleichzeitig wird man massiv in Technologien zur CO2-Minimierung investieren.
- Wasserkraft und Atomstrom erleben schon heute eine Renaissance.
- Der infolge des billigen Öls eigentlich abgestochene Boom bei den erneuerbaren Energien setzt sich auf einmal ungebrochen fort.
Obwohl das derzeitige Ausbleiben von russischem Gas die Union völlig unvorbereitet trifft, wird Putins Politik also letztendlich dazu führen, dass es endlich zu einer europäischen Energie- und besonders Gaspolitik kommen wird. Denn in Europa ist allen klar, dass es mittelfristig darum geht etwa ein Drittel des Energiebedarfs zu substituieren.
Damit hat Europa ein neues Ziel und das wird die Union auch politisch stärken.

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